Olympisches Silber

Peter Schlickenrieder am 27.02.04

Vor der Weltmeisterschaft in Lahti 2001 hatten der Sport und das Training den Mittelpunkt meines Lebens gebildet. Neben meiner Familie war auch das Studium zu kurz gekommen. Um da nicht noch einmal soviel Zeit zu verlieren, entschloss ich mich, definitiv im Sommersemester 2001 mein Examen zu machen – was allerdings bedeutete, dass ich wieder einmal nur wenig Zeit zum Trainieren haben würde. In einer Sportart, in der die Aktiven mittlerweile 800 bis 1000 Stunden pro Jahr trainieren, kann es fatal sein, wenn man nur 300 Stunden schafft. Und auf dieses Pensum würde ich kommen, wenn ich so weitertrainierte wie bisher.

Im September 2001 ging ich über die erste Zielgerade: Ich machte mein Diplom. Ein Erfolg, der mich motivierte und der mir mehr Zeit für das Training bescherte. Prompt machte ich wieder den gleichen Fehler. Ich erhöhte das Pensum in kürzester Zeit um das Vier- bis Fünffache. Es dauerte nicht lange, bis mein Körper die Notbremse zog: Ich wurde krank. Dabei lief mir ohnehin die Zeit davon – nur noch zwei Monate bis zum Winter, und ich hatte kaum mehr als 100 Stunden trainiert. Widerwillig legte ich eine Pause von zwei Tagen ein und fing dann wieder an zu trainieren. Keine zwei Wochen später lag ich erneut flach. In diesem Rhythmus ging es weiter, sodass ich Ende November gerade mal auf 20 Stunden direkte Wettkampfvorbereitung kam. Ich war verzweifelt und wollte aufgeben. Ich rief Kroni an und sagte ihm, er solle die Ski zurückgeben : „Ich mag nicht mehr.“

Doch Kroni, der noch in meinen finstersten Momenten an mich geglaubt hat, ließ mich auch diesmal nicht hängen. Er überredete mich, ja zwang mich geradezu dazu, die Saison noch mal in Angriff zu nehmen. „Du schaffst das“, sagte er. „Alles in meinem Leben kommt immer so, wie ich es mir erträumt habe. Ich habe einfach Glück.“ Und dieses Glück hatten wir auch bitter nötig. Mit einem sechsten Platz bei der Olympia-Qualifikation lösten wir schließlich so ziemlich die allerletzte Fahrkarte nach Salt Lake City.

Ich verabschiedete mich aus der laufenden Wettkampfsaison und bereitete mich intensiv auf Olympia vor. Jetzt musste das „System Schlickenrieder“ wirklich funktionieren. Gerade nach der Enttäuschung über den sechsten Platz bei der WM im vergangenen Jahr war uns klar, das alles passen musste, wenn ich ganz vorne landen wollte. Ich trainierte nur auf diesen einen Tag hin, den 19. Februar 2002, auf dieses eine Rennen, den Sprint.

In Salt Lake City schließlich war ich topfit und hoch konzentriert. Von dem ganzen Trubel und der imposanten Atmosphäre dort habe ich erst gar nicht viel mitbekommen. Eigentlich schade, aber ich war ja da, um mein Rennen zu laufen. Eine Woche vor der Sprintentscheidung startete ich bei der Olympia-Entscheidung über 15 Kilometer klassisch. Sozusagen zum Training und ohne mich zu verausgaben oder eine Verletzung zu riskieren. Ich landete auf Platz 55 – nicht direkt glorreich, aber meine großes Ziel war für mich der Sprint .

Am Tag X, dem 19. Februar, lief es dann genauso wie Kroni, der in den USA dabei war, prophezeit hatte: „Du wirst es sehen, Peter: Es gibt nassen Schnee, wir werden schnelle Ski haben, und du machst das Ding.“ Ich kam am Start gut weg und konnte von Anfang bis Ende der 1500-Meter-Sprintstrecke das Renngeschehen gut kontrollieren. Jedenfalls bis zur Attacke von Tor Arne Hetland, der aus der dritten Position heraus überraschend schon in der Abfahrt angriff und so vor Christian Zorzi und mir als erster in die letzte Zielkurve ging. Aus der dritten Position heraus mobilisierte ich die letzten Kräfte und sprintete was das Zeug hielt. Meine Stärke lag in der Beschleunigung aus der Kurve heraus – Hetland schien dies zu wissen, er ließ mich Schwung aufnehmen und wählte seine Zieleinlaufspur so spät wie möglich. Auf diese Weise konnte er in Führung liegend mich bestmöglichst ausbremsen.
Er wählte die erste und eigentlich schlechteste Spur – aber genau die hatte ich mir ausgeschaut. Weil ich noch leicht hinter ihm war musste ich ausweichen – jetzt hieß es ja nicht stürzen, sonst bin ich nur vierter. In einem nervenaufreibenden Zielfinish fing ich dann noch Christian Zorzi ab. Tor Arne Hetland war mir nur eine Zehntelsekunde voraus – ein Wimpernschlag. Ich war am Ziel meiner Träume – eine olympische Medaille – ich freute mich wie ein kleines Kind. Nach dem Zieleinlauf lief meine ganze Karriere, der ganze Kampf, die Strapazen und Entbehrungen wie ein Sekundenfilm vor meinem geistigen Auge ab – das erste an was ich in den Minuten nach dem Zieleinlauf denken musste war meine Familie, die all die Jahre zu mir gehalten hat und mir diesen Traum ermöglicht hat. Beim TV-Interview war es dann auch der erste Gedanke an meine Tochter, der mir die Glückstränen in die Augen trieb.

Die Silbermedaille hängt in meinem Haus im Dachgeschoss über dem Kamin, aber vor allem immer irgendwie ganz tief in mir drin. Auch wenn ich es eigentlich noch nie richtig angeschaut habe, so ist dieses Stück Silber doch die Erinnerung an ein großes Erlebnis, an ein einzigartiges Glücksgefühl. Es ist aber vor allem ein Symbol dafür, dass man alles erreichen kann, wenn man nur hartnäckig genug dafür kämpft. Ich bin verdammt stolz auf diese Leistung.

Mehr über mich und meine sportliche Vergangenheit, aber vorallem wie ihr es selbst schaffen könnt gibts in meinem Buch...



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